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Jesuitendrama
Schul- bzw. Ordenstheater der Jesuiten mit betont gegenreformatorischer Ausrichtung und ab dem 17. Jh. sehr hohem Musikanteil, ursprünglich anlässlich der Prämienverleihungen veranstaltet. Das J. orientierte sich deutlich an der Dramentheorie der Humanisten, griff jedoch auch auf ältere Wurzeln (Mysterien- und Mirakelspiele bzw. das geistliche Volksschauspiel des Mittelalters; Geistliches Spiel) zurück. Die J. sollten pädagogisch-religiöse Lehrstücke sein und ließen anfangs nur an den Aktschlüssen bzw. als Prolog Musik (Chöre, Einleitungs- und Zwischenaktmusiken) zu. Im 17. Jh. wurden immer stärker höfische Elemente übernommen und der Anteil an Musik (durchkomponierte Szenen, Arien etc.) erhöht, bis unter Leopold I. die Dramen sich – mit Bühnenbild, Orchester, Tanz- und Fechtszenen – immer stärker der höfischen Oper angenähert hatten. Die Libretti wurden von moralisch-religiösen bzw. didaktisch-pädagogischen Themen bestimmt (im Sinne der Mission bzw. der Heranbildung von milites christi) und konnten je nach Anlass heiter oder ernst sein, verstanden sich jedoch in jedem Fall als Werkzeuge der Gegenreformation. Orte der Aufführungen waren die Aulen der Gymnasien; größere Kollegien verfügten über eigene Theatersäle mit z. T. aufwendiger Bühnenmaschinerie. Die Libretti wurden meist von Mitgliedern des Ordens verfasst, Zöglinge, teilweise auch Lehrer, fungierten als Darsteller; Musiker und Komponisten hingegen wurden meist aus benachbarten Kirchen oder Höfen engagiert; zu den Hauptkomponisten sind J. Staudt (von ihm ist die Musik zu 39 Stücken überliefert), F. T. Richter, J. M. Zacher, J. K. Kerll, F. Weichlein, I. Frickl, J. G. Reinhard und J. J. Stupan v. Ehrenstein zu zählen. Der Großteil der J. ist in lateinischer Sprache abgefasst, einige auch in Volkssprache; statt Libretti kamen ab ca. 1600 gedruckte Zusammenfassungen (Periochen oder Synopsen) auf. Aufführungsanlässe waren neben Schulfesten (v. a. Prämienspiel) und Spielen aus Anlass von Festen des Herrscherhauses (Hochzeiten, Geburten, Geburts- und Namenstage, Besuche befreundeter Herrscher etc.) auch Feste des Kirchenjahres (in der österreichischen und böhmischen Provinz waren v. a. Fronleichnams- und Karfreitagsspiele sehr beliebt) bzw. Ordens- und Heiligenfeste. Sind die meisten der Stück zumindest aufgrund der Periochen bekannt, ist deren Musik nur selten überliefert. Das erste J., das im deutschen Sprachraum aufgeführt wurde, war der 1555 in Wien gespielte Euripus von Levinus Brechtanus. Den Höhepunkt erreichte das J. 1640–1710 v. a. an den Wiener Häusern der Jesuiten, an denen das J. zu prächtigen Ludi caesarei ausgebaut wurde, die in direkter Konkurrenz zur höfischen Oper standen und sich auch deren panegyrischer Sprache bedienten (Licenzen mit Verherrlichung des Herrschers und seiner Familie); ab 1650 waren die Aufführungen des J.s Teil des Jahrescurriculums des Hofes. Nach 1710 kam es zu einem allmählichen Verfall (bedingt u. a. durch aufkommenden Rationalismus und Aufklärung), bis 1768 die Studienhofkommission im Auftrag von Maria Theresia das J. innerhalb des gesamten Habsburgerreiches verbot.
Werke
Passionen: Der Todeskampf im Ölgarten, Laibach 1635; Die Zuflucht zum Kreuz Christi, Wien 1643; Die gekreuzigte Liebe, Klagenfurt 1648; Der Heiland am Kreuz, Wien 1690; – Osterspiele: Serpens Contritus, der Sieg über die Schlange, Wien 1641; – Fronleichnamsspiele: Altera Bethlehem, Linz 1684 [M: F. T. Richter]; Eucharistia Thema Laudis Specialis, Wien 1698 (M: J. B. Staudt); – nach Texten und Motiven der Heiligen Schrift: David und Goliath, Wien 1645; Athalia, Graz 1579; Esther, Wien 1583; Absalom, Graz 1586; Baarlam und Josaphat, Graz 1583; Das jüngste Gericht, Graz 1589; Der ägyptische Joseph, Graz 1583; Tobias, Innsbruck 1583; Christus Judex, Graz 1589 u. Olmütz (Olomouc/CZ) 1603; Arma victricia (Maccabäer), Brügge 1655; Patiens Christi Memoria, Wien 1685 (M: J. B. Staudt); – Heiligenlegenden bzw. historische Persönlichkeiten: Saul und David, Graz 1600; St. Helena, Graz 1601; Kaiser Mauritius, Graz 1625; S. Paulinus, Graz 1627; Kaiser Theodosius, Innsbruck 1631; Euripus, Wien 1555 u. Innsbruck 1563; Aloysius, Linz 1636; Pia et mulier fortis, Wien 1677 (M: J. K. Kerll); Ferdinandus Quintus, Wien 1684 (M: J. B. Staudt, NA: DTÖ 132); Le promesse degli dei, Wien 1697 (M: F. T. Richter); Mulier fortis, Wien 1698 (M: J. B. Staudt; NA: DTÖ 152); Alexandri Magni Victoriy, Wien 1702 (M: J. B. Staudt); Hercules, Wien 1706 (M: J. B. Staudt) – andere: Epibaterion panegyricum symbolicum, Linz 1623; Iracundia morosa, Wien 1672; Superbia, Wien 1674; Amor omnia vincit, Wien 1688 (M: J. M. Zacher); Discordia perniciosa, Wien 1694; Hymenaei de Marte triumphus, Wien 1699 (M: F. T. Richter); Poetisches Freyden-Gedicht, Wien 1708 (M: J. M. Zacher).
Literatur
MGG 4 (1996); M. Wittwer, Die Musikpflege im Jesuitenorden unter besonderer Berücksichtigung der Länder dt.er Zunge 1934; W. Kramer, Die Musik im Wr. J. von 1677–1711, Diss. Wien 1961; MGÖ 1 u. 2 (1995); F. Hadamowsky, Das Theater in den Schulen der Societas Jesu in Wien (1555–1761), 1991; K. Adel, Das J. in Österreich 1957; R. Flotzinger in Hist. Jb. d. Stadt Graz 15 (1984); J. Fröhler in Jb. d. Stadt Linz 1957; J. Fröhler in OÖ. Heimatbll. 9 (1955); G. Zwanowetz, Das Jesuitentheater in Innsbruck und Hall von den Anfängen bis zur Aufhebung des Ordens, Diss. Wien 1982.

Autor(en)
Elisabeth Th. Hilscher
Empfohlene Zitierweise
Elisabeth Th. Hilscher, Art. „Jesuitendrama‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]