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Türkenlieder
Deutschsprachige Lieder mit Türken-Thematik. Bereits bei der ersten Belagerung Wiens (1529) entstanden in Österreich Volkslieder, die die Furcht vor den Türken thematisierten. Lieder mit dieser Thematik waren im gesamten deutschsprachigen Raum, mit Ausnahme der Schweiz, verbreitet und viele Liedtexte sind bis heute (2006) erhalten. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 schrieb Balthasar Mendelreiss einen Türkenschrei: „der Türk hat das für sich genomen,/ er well zu uns gar nehent komen/ er well gern Rom wol in die stat,/ ach edlen herren, werst zu rat,/ ob wir ims mochten erweren!“ Die T. wollten die Grausamkeiten des osmanischen Heeres schildern und die Bevölkerung zu Kampfbereitschaft aufrufen: „Was ermord’t nicht ist und todt,/ Schleppen sie hinweg in Ketten/ […] Diese Räuber schänden Weiber,/ schneiden ihnen auf die Leiber,/ […] Eilet, eilet, nehmt das Schwert,/ Auf den Bluthund einzuhauen! [...]“. Es gab auch T. der Landsknechte, die die Soldateska zum Kampf ermuntern sollten: „Frisch auf, frisch auf, Soldaten,/ der Turk, der ruckt ins Feld daher,/ zu Martis [Mars] Tanz zu laden,/ mit seiner Armade schwer!“ Eine andere weit verbreitete Sparte von T.n sind entsprechende Kinderlieder bzw. -Reime: „Reit Ferdl reit!/ Tirk is nimma weit“.

Obwohl Deutschland von der Türkengefahr nicht unmittelbar bedroht war, setzte Gott nach Martin Luther (Reformation) zwei Strafen ein, die Christen zur Frömmigkeit zu züchtigen: den „Türck“ und die Pest. Luther setzte auch den Papst mit dem „Türck“ gleich: „Erhalt vns Herr, bei deinem Wort/ vnd steur des Bapsts vnd Türcken Mord./ Die Jhesum Christum deinen son/ wollten stürtzen von deinem Thron.“ Mit der Gegenreformation verklangen die evangelischen T. in Österreich allmählich. In den katholischen T.n ist die Hauptursache für das osmanische Übel die Uneinigkeit der Christenheit: „Nun sehen wir unsern Zank,/ ob er nicht dem Türken ein Geschank/ und ain groß gelechtet bringen soll,/ daß wir Christen so grob und toll/ an ainander selbst verderbe.“

Die Volksliedtradition über die „Türck“ hielt sich auch in der Phase militärischer Überlegenheit der Habsburger, doch waren die „Türken“ nunmehr nicht das Objekt von Furcht, sondern des Spotts: „Der Türk ist geschlagen, man hat’s ihm gepfiffen.“ Ab dem 18. Jh. entstanden auch Heldenlieder, die die siegreichen christlichen Kriegsherrn lobten. Solche Lieder fanden ebenso in urbanen Volksliedern Niederschlag:„Prinz Eugen der edle Ritter.“ Komponierte Lieder über die Helden der Türkenkriege nach 1683 sind heute kaum mehr erhalten. Ein noch immer bekanntes Beispiel ist das Prinz Eugen-Lied (T: Ferdinand Freiligrath, 1810–76, veröff. 1838; M: C. Loewe: Prinz Eugen, der edle Ritter op. 92, veröff. 1844.): „Prinz Eugen, der edle Ritter!/ Hei, das klang wie Ungewitter/ Weit in’s Türkenlager hin./ Der Trompeter tät den Schnurrbart streichen/ Und sich auf die Seite schleichen/ Zu der Marketenderin.“

T. erfüllten drei Funktionen: Sie drückten Gefühle der Entrüstung der Bevölkerung gegen die Brutalität der osmanischen Aggressoren aus; sie wirkten als Nachrichtenträger und berichteten von Belagerungen und Schlachten; sie waren ein Propagandamittel der Herrschaft und der Kirche, um die Opferbereitschaft der Bevölkerung in einem eventuellen Krieg gegen Osmanen, aber auch für Geld- und Sachgaben zu erhöhen. Drei Mediatoren wirkten bei der großen Verbreitung der T. mit: wandernde Landsknechte, Gesangbücher der Kirche und Flugblätter. Da die Bevölkerung der Notenschrift nicht mächtig war, handelte es sich bei den zwei letzteren v. a. um die Liedtexte. Die gedruckte Veröffentlichung von T.n begann in Augsburg/D 1543, in Prag 1575 und in Wien 1583, „und dies nicht nur im deutschen Kulturraum, sondern in ganz Europa, wo bisher Druckschriften in mehr als zwanzig Sprachen und über hundert Druckorten festgestellt werden konnten“ (Buchmann). Die T. im deutschsprachigen Raum haben nur thematisch mit den habsburgisch-osmanischen Kriegen zu tun. Sie gehören zu den lokalen Schätzen der Volksmusik und sind in europäisch-tonaler Musikkultur zuhause. Musik, Instrumente und Besetzung der osmanischen Militärmusikkapellen beeinflussten die T. nicht.


Literatur
B. M. Buchmann, T. Zu den Türkenkriegen und besonders zur zweiten Wr. Türkenbelagerung 1983; C. Göllner (Hg.), Chronica unnd Beschreibung der Türckey mit eyner Vorrhed D. Martini Lutheri 1533, NA 1983; R. v. Liliencron, Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jh., 3 Bde. 1867, ND 1966; S. Özyurt, Die T. u. das Türkenbild in der dt. Volksüberlieferung vom 16. bis zum 20. Jh. 1972; M. G. Schachiner, Die osmanische Feldmusikkapelle u. das Habsburgerreich in http://musicalconfrontations.com (2004); M. Spohn, Alles getürkt. 500 Jahre (Vor)Urteile der Deutschen über die Türken, Dipl.arb. Oldenburg 1993.

Autor(en)
Memo G. Schachiner
Empfohlene Zitierweise
Memo G. Schachiner, Art. „Türkenlieder‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 20/06/2005]