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Zyklus
Nach griech. κύκλος, lat. cyclus (circulus) = Kreis, metaphorische Bezeichnung für eine „abgerundete“ Ganzheit, die aus einer strukturierten Abfolge mehrerer Teile entsteht (hier also im Gegensatz zu einer Sammlung, die solche Prinzipien nicht erkennen lässt). Unter diesem Gesichtspunkt können zunächst Formen aus verschiedenen Sätzen verstanden werden, die eine Art dramaturgischen Ablauf erkennen lassen (z. B. Symphonie, Streichquartett; auch von Klavierliedern wie Fr. Schuberts Schöne Müllerin oder Winterreise), anderen Prinzipien wie Kontrast (z. B. Suite) oder einer Steigerung gehorchen, und/oder dem z.ischen Prinzip wenigstens durch einen eindeutigen Einleitungs- und Schlusssatz entsprechen (zwischen dem die Abfolge dann sehr bunt sein kann; z. B. sog. Aufzugssuite, klassische Form des Wiener Walzers). In diesen Fällen wird also entweder das fortschreitende oder das zum Anfang zurückführende Moment eines „Kreises“ hervorgekehrt. Von den Kompositions- abgeleitet und ähnlich strukturiert sind Konzert-Z.en. Gemeinsam ist allen das Ziel innerer Geschlossenheit einerseits und übergeordneter Ganzheit andererseits.

In vielen Fällen wird durch solche Zusammenschlüsse (auch von an sich gleichartigen Teilen) eine zusätzliche Bedeutungsdimension erreicht. Hinter anderen Fällen kann bloß eine Reminiszenz an alte Handelsformen stehen: z. B. bestimmte Artikel nicht einzeln, sondern im Dutzend (= 12) bzw. in Teilen (z. B. halbes Dutzend = 6) oder Vielfachen davon (z. B. Schock = 60) zu verkaufen. So erklären sich z. B. die (v. a. im Barock üblichen) Veröffentlichungen von je 6 oder 12 Sonaten (ev. mit einem andersartigen und deshalb nicht mitgezählten Anhang).

Nicht jede Zusammenstellung unter einem bestimmten Gesichtspunkt (z. B. die Komposition von verschiedenen Texten eines bestimmten Autors) kann also im eigentlichen Wortsinn als Z. verstanden werden (vielmehr würde man bloß von Sammlungen sprechen können). Die für Z.en-Bildung herangezogenen musikalischen Mittel sind vielfältig und für die Kunstmusik zunehmend konstitutiv geworden, jedenfalls ab dem 15. Jh. feststellbar, z. B.: eine abgestufte Substanzgemeinschaft aller Sätze von Mess-Z.en, obwohl die Sätze nicht unmittelbar nacheinander erklingen (sog. c. f.- oder Lied-Messen in den Trienter Codices; Parodie-Messe), deren variatives Verhältnis (z. B. in der sog. Variationensuite, P. Peuerl, I. Posch) oder thematische Bezugnahmen (z. B. in der Symphonik des späten 19. Jh.s).


Literatur
MGG 9 (1998).

Autor*innen
RF
Letzte inhaltliche Änderung
16.7.2006
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Zyklus‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 16.7.2006, abgerufen am ), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001e7da
Dieser Text wird unter der Lizenz CC BY-NC-SA 3.0 AT zur Verfügung gestellt. Das Bild-, Film- und Tonmaterial unterliegt abweichenden Bestimmungen; Angaben zu den Urheberrechten finden sich direkt bei den jeweiligen Medien.