
Hahn,
Walter Moritz
* 28.11.1905 Sillein (Zsolna)/Ungarn (Žilina/SK),
† 29.6.1941 Liepāja/LV.
Kapellmeister, Pianist, Komponist.
Der Sohn eines aus Mähren stammenden Beamten verbrachte seine frühe Kindheit in seinem Geburtsort und lebte seit 1909 in Wien. Er schloss das Gymnasium mit Matura ab und erhielt privaten Musikunterricht (Klavier bei Dora Josefowicz, Violine bei Elsy Stein, Theorie bei R. Weirich). Im Alter von 16 Jahren wirkte er bei einer Benefizveranstaltung zugunsten der jüdischen Volksschule als Klavierbegleiter mit. Bereits im Alter von 19 Jahren war H. Zweiter Kpm. an der Volksoper Wien (1924–27). Darüber hinaus fungierte er regelmäßig als Klavierbegleiter bei Opern- und Operettenaufführungen sowie als Liedbegleiter und musikalischer Leiter auf Radio Wien (s. Abb.). Ende 1926 erhielt er aus einer Vielzahl an Bewerbern und nach einem erfolgreichen Probedirigieren die Position des Leiters des Orchesters des jüdischen Sportvereins Hakoah, die er bis 1928 ausübte. In der Saison 1927/28 wechselte er ans Theater an der Wien und 1929 ans Wiener Stadttheater, beide Bühnen von H. Marischka betrieben. Im Stadttheater brachte er als Erster Kpm. mehrere Operetten (darunter Bubi von W. Engel-Berger, Kaiserliebchen von E. Berté und Frühling im Wienerwald von L. Ascher) zur UA. Ab 1927 dirigierte H. im Sommer in erster Linie Operettenaufführungen im Wiener Burggarten mit dem Wiener Symphonieorchester. Anfang 1929 schrieb er für L. Slezak das Quodlibet Schülers Lust und Leid für eine Benefizvorstellung von J. N. Nestroys Die schlimmen Buben in der Schule, in der Slezak erstmals sein Talent als Komiker unter Beweis stellen konnte. Für die Saison 1930/31 wurde H. ans Wiener Bürgertheater unter dem neuen Direktor Hans Chlodwig Gahsamas engagiert. Anfang der 1930er Jahre war er Leiter der Opernschule vermutlich des Konservatoriums für Musik und dramatische Kunst Lutwak-Patonay. Im Oktober 1930 fungierte er bei der Neuaufnahme von E. Eyslers Bruder Straubinger nicht nur als musikalischer Leiter, sondern auch als Regisseur. Bereits im November folgte jedoch die fristlose Entlassung, gegen die sich H. gerichtlich zur Wehr setzte. Daneben trat er immer wieder als Klavierbegleiter (u. a. der Sängerinnen Laura Larne und Dela Lipinskaja) an die Öffentlichkeit. Im Herbst 1931 bewarb er sich gemeinsam mit K. Farkas und einer Arbeitsgemeinschaft um die Direktion der Volksoper, die als Operetten- und Revuetheater geführt werden sollte. Er zog seine Bewerbung jedoch bald wieder zurück, weil er von den Brüdern Schwarz, die regelmäßig Italientourneen veranstalteten, nicht aus seinem Vertrag entlassen wurde. Für Farkas fungierte H. 1931/32 auch als Klavierbegleiter auf zumindest zwei Plattenaufnahmen (Schlager-Reigen und Ich hab’ eine Tante in Peking) für His Master’s Voice. 1932–35 Erster Kpm. an den Kammerspielen (Wien I, Rotenturmstraße), wo er u. a. die UA von R. Katschers Operette Essig und Öl mit H. Moser in der Titelrolle leitete. Mitte 1932 war er künstlerischer Leiter der Italientournee (u. a. in Mailand) der Brüder Schwarz. 1933–36 schrieb er die Musik zu mehreren von K. Farkas, zum Teil in Zusammenarbeit mit F. Grünbaum getexteten Revuen, die im Pavillon, im Casino-Theater, im Moulin Rouge, im Neuen Wiener Operettentheater, in den Kammerspielen, in der Komödie und im Bürgertheater über die Bühne gingen, wobei H. auch die künstlerische Leitung übernahm. Am 14.12.1934 ging er als Kapellmeister einer weiteren von den Brüdern Schwarz geleiteten Operetten- und Revuetournee nach Italien. Die Musik der ersten Operette, Quando le donne dicono nò, die in San Remo uraufgeführt wurde, stammte von H. und möglicherweise auch die Nachfolgeproduktion, die Revue Reiset nach Oesterreich. Nach seiner Rückkehr Mitte April war H. als Kpm. an verschiedenen Wiener Bühnen (Margaretner Orpheum, Kammerspiele, Theater an der Wien, Bürgertheater, Deutsches Volkstheater, Volksoper) tätig und dirigierte Revuen und Operetten. 1937 spielte er zweimal mit F. E. Klein auf zwei Klavieren auf Radio Wien. Die beiden präsentierten die von ihnen komponierte Musikalische Rundschau und Musikalische Olympiade. Sein Auftritt mit Margit Großmann am Doppelflügel auf Radio Wien am 13.3.1938 dürfte aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten am selben Tag nicht mehr stattgefunden haben. H., der unverheiratet blieb, plante, nach Australien, Nord- bzw. Südamerika oder in die Türkei auszuwandern. Bis zu seiner Auswanderung, die ihm schließlich nach Lettland gelang (Exil), lebte er in der elterlichen Wohnung in Wien III, Hohlweggasse 1. In Riga war er als Musikdirektor am jüdischen Theater tätig. 1941 wirkte er als Chefdirigent des Musiktheaters von Liepāja und inszenierte hier das Ballett Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern nach Hans Christian Andersens Märchen. Am Tag der Eroberung von Liepāja durch deutsche Truppen wurde H. von Nationalsozialisten ermordet.
Werke
Revuen (Alles nach Maß 1933, Laßt Blumen sprechen 1934, gem. m. P. Reif: Sonne im Herzen 1934, Tausend Worte Liebe 1934, Die gestohlene Revue 1935, Theater zu verkaufen 1935, Wohin kleines Fräulein? 1935, gem. m. Fritz Kramer: Was kostet Wien? Geschichten aus der guten alten Zeit 1936); Operette Quando le Donne dicono nò 1934; Quodlibet Schülers Lust und Leid 1929; Bearbeitungen. – Plattenaufnahmen als Klavierbegleiter von K. Farkas.
Revuen (Alles nach Maß 1933, Laßt Blumen sprechen 1934, gem. m. P. Reif: Sonne im Herzen 1934, Tausend Worte Liebe 1934, Die gestohlene Revue 1935, Theater zu verkaufen 1935, Wohin kleines Fräulein? 1935, gem. m. Fritz Kramer: Was kostet Wien? Geschichten aus der guten alten Zeit 1936); Operette Quando le Donne dicono nò 1934; Quodlibet Schülers Lust und Leid 1929; Bearbeitungen. – Plattenaufnahmen als Klavierbegleiter von K. Farkas.
Literatur
Wr. Morgenztg. 11.11.1926, 6; Wr. Ztg. 27.4.1928, 5; Neues Wr. Journal 6.6.1928, 11; Kleine Volks-Ztg. 7.10.1930, 10; Der Wr. Tag 4.11.1930, 8; Die Stunde 20.11.1934, [4]; Radio Wien 30.7.1937, 16; Neues Wr. Tagbl. 5.4.1930, 9, 6.10.1931, 9, 10.10.1931, 9, 28.12.1934, 10, 6.1.1935, 6; Der Morgen 12.10.1931, 4; Die Stunde 4.9.1932, 6; Illustrierte Kronen-Ztg. 13.3.1938, 19; Wr. Sonn- und Montags-Ztg. 31.12.1934, 8; Auswandererfragebogen der IKG Wien; Meldearchiv WStLB; https://de.findagrave.com (12/2024); eigene Recherchen (Bühnen-Jb.er; www.anno.onb.ac.at; https://konzerthaus.at/datenbanksuche).
Wr. Morgenztg. 11.11.1926, 6; Wr. Ztg. 27.4.1928, 5; Neues Wr. Journal 6.6.1928, 11; Kleine Volks-Ztg. 7.10.1930, 10; Der Wr. Tag 4.11.1930, 8; Die Stunde 20.11.1934, [4]; Radio Wien 30.7.1937, 16; Neues Wr. Tagbl. 5.4.1930, 9, 6.10.1931, 9, 10.10.1931, 9, 28.12.1934, 10, 6.1.1935, 6; Der Morgen 12.10.1931, 4; Die Stunde 4.9.1932, 6; Illustrierte Kronen-Ztg. 13.3.1938, 19; Wr. Sonn- und Montags-Ztg. 31.12.1934, 8; Auswandererfragebogen der IKG Wien; Meldearchiv WStLB; https://de.findagrave.com (12/2024); eigene Recherchen (Bühnen-Jb.er; www.anno.onb.ac.at; https://konzerthaus.at/datenbanksuche).
Autor*innen
MK
Letzte inhaltliche Änderung
3.2.2025
Empfohlene Zitierweise
MK,
Art. „Hahn, Walter Moritz“,
in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung:
3.2.2025, abgerufen am ),
https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_H/Hahn_Walter.xml
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