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Wörgl
Stadt in Tirol, im Bezirk Kufstein, ca. 60 km östlich von Innsbruck am Schnittpunkt von Inntal, Brixental und dem Hochtal Wildschönau, ca. 13.000 Einwohner; seit 1911 Marktgemeinde, 1951 Stadt. Die älteste urkundliche Bezeichnung des Ortes ist „Uuergile“ (ca. 1110), eine Kirche lässt sich erstmals ca. 1212 nachweisen. Aus „Wirgl“ schrieb am 14.12.1769 L. Mozart heim nach Salzburg an seine Frau Maria Anna einen Brief, dem W. A. Mozart einige Zeilen an seine Schwester Nannerl beifügte. Tags zuvor waren Vater und Sohn Mozart von Salzburg aus in Richtung Italien aufgebrochen, nach Lofer/Sb nahmen sie in W. das zweite Nachtquartier auf ihrer Reise. W. wird im Mozart-Brief nicht kommentiert, auch nicht retrospektiv im nächstfolgenden aus Innsbruck. Ca. 1770 komponierte M. Haydn das Singspiel Der Bassgeiger zu W. und setzte damit dem Ort ein musikalisches Denkmal. Aus dem Text des Stücks (von P. Leo [Albert] Peternader OSB in Kremsmünster, * 1734 Kitzbühel/T) geht der Schauplatz W. nicht hervor, nur aus dem Titel. Möglicherweise war zur Entstehungszeit des Singspiels (1773/78) ein beliebter Musikant in W. beheimatet, der als Bassgeiger etwa bei Tanzvergnügungen aufspielte und so die Inspiration für das Werk lieferte. Noch heute (2016) existiert in W. der Gutshof Beim Bassgeiger (Kanzler-Biener-Str. 1). Auf die Kirchenmusik in W. mag Johannes Reiserer CanReg (* 1765 Rattenberg/T, * 1823 W.) Einfluss genommen haben, der als Schüler in Salzburg musikalisch ausgebildet worden war, im Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee/D 1794–98 das Amt des Chorregenten innegehabt hatte, ab Oktober 1798 als Koadjutor an der Pfarrkirche W. wirkte und hier als Pfarrvikar verstarb. Durch seine Niederschrift von W. A. Mozarts Allegro molto in C-Dur für Klavier (KV deest) ca. 1779, identifiziert von HHSch im Jahr 2012, hat ein Geistlicher aus W. nun einen Namen in der Mozart-Werküberlieferung.

Das Musikleben in W. wird weitgehend von Laien getragen. Ca. 1730 ist der „Maurerbauer im Winkl“ Georg Rendl als Vorsänger bei kirchlichen Prozessionen namhaft (Gwiggner). 1876 sind Aktivitäten der Bürgermusikkapelle belegt, doch werden solche schon früher eingesetzt haben. Aufgrund der Bevölkerungs- und Sozialstruktur W.s etablierten sich im Lauf des 20. Jh.s mehrere Blaskapellen (Blasorchester): 1901 wurde die Arbeiter-Musikkapelle gegründet und 1946 aktualisierend in Eisenbahner-Musikkapelle umbenannt. 1921 hatte man eine eigene Jugendmusikkapelle der Arbeitermusik ins Leben gerufen. Sie trat nicht nur in Wirtshäusern auf, sondern pflegte auch musikalisches Brauchtum wie das Anklöpfeln (Blasorchester). Ab 1926 stand ihr Gottlieb Weißbacher (* 1907 W., † 1988 Natters/T), später Postbeamter, Komponist und Leiter der Fidelen Inntaler, als Kapellmeister vor. Im W.er Ortsteil Söll-Leukental formierte sich nach dem Ersten Weltkrieg eine eigene Feuerwehrmusikkapelle. Seit 1969 bildet die Stadtmusikkapelle W. den großen vereinigten Klangkörper des von Gewerbebetrieben geprägten Ortes. Die Gründung einer Musiker-Gewerkschaft in W. 1936 belegt, dass hier der Musik damals eine wichtige Stellung zukam, die Ausführenden aber ihre Dienstleistungen geregelt wissen wollten.

Von musikalischer Vielfalt zeugen die zahlreichen W.er Vokalensembles: 1893 bringt der Bote für Tirol und Vorarlberg am 24.11. die Nachricht von der Gründung des Gesangvereins Liederkranz in W. und die Statutengenehmigung durch die „k. k. Statthalterei“. Dieser Liederkranz schloss sich 1919 mit dem Männergesangverein W. zusammen, im selben Jahr konstituierte sich der Arbeitergesangverein Liederhort W. 1972 feierte der mehrfach preisgekrönte und durch Konzerttourneen im In- und Ausland bekannt gewordene W.er Mädchenchor unter der Leitung seiner Gründerin, der Hauptschullehrerin Herma Haselsteiner (* 1916 Innsbruck, † 1982 Bozen), sein 25-jähriges Bestehen. Zu seinem 30-Jahr-Jubiläum führte der Tiroler Motettenchor W. 1988 G. F. Händels Messias auf, bis 1966 hatte er als Chor der Musikfreunde firmiert. Dem Tiroler Kammerchor W. widmete der seit 1963 in W. ansässigen Komponisten H. Helberger eine Reihe von Chorwerken. Zumindest im Jahr 1954 war ein Stadtorchester W. aktiv (Sonntagspost 1954, Nr. 52, 4). Die Tiroler Tageszeitung vermeldet 1973 (Nr. 255, 7) zehn erfolgreiche Jahre des Kammerorchesters W.-Kufstein.

1952 erfolgte in W. die Gründung einer MSch., 1994 deren Eingliederung in das Tiroler Musikschulwerk. Heute (2016) ist sie Tiroler Landesmusikschule mit ca. 1.000 Schülern und ca. 40 Lehrern, auch aus Nachbargemeinden. Der 1988 in W. ins Leben gerufene Verein Academia vocalis bietet alljährlich Meisterkurse mit international renommierten Sängern, dazu Konzerte von Meisterinterpreten und Studenten, unter der künstlerischen Leitung von Friedrich Madersbacher und einer breiten Unterstützung politischer Funktionäre.

Aus W. stammt das von ca. 1930 bis 1961 erfolgreich auftretende und früh medial vermarktete Tiroler Gesangstrio Geschwister Buchberger . Der Lehrer und Orgelbauer J. Unterberger wurde in W. geboren, arbeitete hier von 1883 bis zum Tod 1892. Seine letzte Orgel, in der Pfarrkirche W., datiert aus dem Jahr 1883. In W. ist (2016) der Gitarrenbauer Klaus Schindler ansässig, der nach 1990 begann, neue individuelle Formen des Instruments zu fertigen und insbesondere Acryl statt Holz als Baumaterial zu verwenden.


Literatur
H. Bramböck, [Fs.] Hundert Jahre Männergesangsverein Liederkranz W., 1993 ; Beiträge v. H. Herrmann-Schneider, F. Posch, G. Schneider, J. Zangerl in J. Zangerl (Hg.), W. Ein Heimatbuch1998; Beiträge von A. Gebesmair, W. Rosenberger u. G. Köfler in K. Drexel/M. Fink (Hg.), Musikgesch. Tirols 3 (2008); H. Herrmann-Schneider in Mozart Studien 22 (2013); Kellner 1956, 435; Bote für Tirol und Vorarlberg 24.11.1893, 2199; Tageszeitungen und Periodika (Kurier, Tiroler Tagesztg., Sonntagspost, W.er Rundschau); J. Gwiggner, W.er Kulturgeschichte (www.vivomondo.com, 5/2016); www.academia-vocalis.com (5/2016); http://mk-woergl.at (5/2016); http://orgeln.musikland-tirol.at (5/2016); www.schindler-gitarren.at (5/2016); www.tiroler-motettenchor.at (5/2016); www.woergl.at (5/2016).

Autor(en)
Hildegard Herrmann-Schneider
Empfohlene Zitierweise
Hildegard Herrmann-Schneider, Art. „Wörgl‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 11/08/2016]