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Vaganten
Auch Goliarden genannt, spezifische männliche Randgruppe der Gesellschaft (Subkulturen) im hohen und späten Mittelalter, weitgehend rekrutiert aus (ehemaligen) Schülern und Klerikern (oft mit niederen Weihen, also einiger Bildung), die als „Fahrende“ (vagi clerici, pauperes clerici, scholares) durch die Lande zogen (lat. vagare = sich herumtreiben) und auch von Musikausübung lebten. Sie waren offenbar keinen besonderen Kleidungsvorschriften unterworfen und sozial höher eingestuft als die ebenfalls unbehausten, kahlgeschorenen und/oder vermummten Spielleute und anderes „fahrendes Volk“ beiderlei Geschlechts. Nahe liegende Konflikte mit angestammten Musikanten (Musiker/in, Musikant/in) sind mehrfach belegt, außerdem tendierten sie stärker zur Schriftlichkeit (Texte vor Melodien) und zum Gebrauch der lateinischen Sprache (sog. V.-Dichtung). Die besondere Rolle der Musik hängt mit ihrer – selbstverständlich unterschiedlich weit gediehenen – Ausbildung (artes liberales als Propädeutik zur Theologie) zusammen. Dass sie v. a. erst seit dem späten 12. Jh. greifbar sind (zunächst in Frankreich und England; an ihrer Mystifizierung waren sie wohl selbst interessiert und beteiligt), lassen sie nicht nur als ein Sozial-, sondern auch Bildungs- (Überangebot, nicht nur Ausgrenzung unbotmäßiger Schüler) und Strukturproblem der Zeit (fehlende Pfründe, Größe und Stellung der Pfarreien) erscheinen. Trotz der häufigen Vermengung der V. mit anderem „fahrenden Volk“ vonseiten der Kirche und bis zuletzt auch in der Wissenschaft kann an ihrer Wirkung und Wichtigkeit für die Entwicklung der europäischen Musik, für die Verbreitung von Neuerungen und Repertoires nicht gezweifelt werden. Mehrmals, z. B. auch vom Salzburger Diözesankonzil 1310, ergingen von kirchlicher Seite spezielle Erlässe zu ihrer Ausgrenzung, doch bestätigen solche eher die Notwendigkeit hiezu als deren Erfolg. Tatsache ist, dass V. sowohl gerade am Salzburger Bischofshof (v. a. Erzb. Eberhards II.) als auch in mehreren österr. Klöstern (z. B. Garsten, Neustift, St. Florian, Seckau) ihre Spuren hinterlassen haben, d. h., dass sie hier durchaus gerne gelitten, ja zu besonderen Gelegenheiten vielleicht sogar vonnöten waren. Naheliegenderweise finden sich – abgesehen von damals kaum bestehenden Grenzen zwischen geistlich und weltlich – in ihren Liedern neben moralischen auch kritische, satirische, parodistische (z. B. sog. Spielermesse), blasphemische und obszöne Inhalte. Eine der wichtigsten Überlieferungen, die alle erwähnten Aspekte gut erkennen lässt, enthält der sog. Codex Buranus ( Carmina burana ). Die seit dem späten 12. Jh. weit verbreitete sog. V.-Strophe (4 meist gleich gereimte Langzeilen von 7+6 Silben), für die mehrere zeitgenössische Melodien überliefert sind, war auch in Österreich geläufig und wurde auch für ernste Inhalte benutzt (z. B. das in Admont überlieferte Lied Organa leticie auf den Tod Friedrichs d. Streitbaren, 1246).
Literatur
MGÖ 1 (1995); W. Salmen, Die fahrenden Musiker im europäischen Mittelalter 1960; W. Hartung, Die Spielleute im Mittelalter. Gaukler, Dichter, Musikanten 2003; H. F. Wagner in Mitt. d. Ges. f. Sbg. Lk. 38 (1898); Flotzinger 1988; F. Dalham, Concilia Salisburgensis. Statuta provincialia et diocesana 1788.

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Vaganten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]