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Synästhesie
Allgemeine Bezeichnung für unwillentliche, regelmäßige und konstante Miterregung (Mit- oder Sekundärempfindungen) eines oder mehrerer Sinnesgebiete bei Reizung eines anderen (von griech. syn = zusammen, aisthesis = Empfindung). Im Bereich der Musik tritt als häufigste Doppelempfindung das Farbenhören (audition colorée, colorhearing, Chromaästhesia) auf; Ton-Geruchsempfindungen sind sehr selten. Die frühere Annahme einer Bindung an das absolute Gehör ist widerlegt. Auslöser sind Geräusche, Tonarten, Harmonien, Einzelklänge, Stimmen, Laute oder gesprochene Zahlen. Synästhetische Wahrnehmungen stehen in keinem Zusammenhang zu organischen oder psychischen Krankheiten. Synästhetiker zeigen in Tests auffallende Gedächtnisstärke, aber Schwächen im numerischen und räumlichen Denken (Cytowic 1995). Die „inneren Bilder“ sind ohne Begrenzung oder Format und zeigen u. a. laufende farbige Strukturen, Kugeln oder lang gestreckte, sich auch verformende dreidimensionale Gebilde mit samtiger, glitzernder, gläserner oder metallischer Oberfläche. Die Auslösung einer bestimmten Farbe durch einen bestimmten Ton und vice versa ist nicht umkehrbar (Einweg-Auslösung). Photismen oder Synopsien sind optische Erlebnisse aufgrund akustischer Reize, Phonismen akustische Erlebnisse aufgrund optischer Eindrücke. Häufigkeitsangaben zur S. schwanken zwischen 0,01–0,5 Promille. Das Geschlechtsverhältnis wird mit w[eiblich] : m[ännlich] = 80:20 % angegeben, schwankt aber regional: z. B. USA w : m = 3:1 (Cytowic), United Kingdom w : m = 8:1 (Baron-Cohen). Nach Cytowic ist die S. ein autosomal oder x-chromosomal gebundenes Merkmal (keine Direktvererbung von Vätern auf Söhne). Echte S. unterscheidet sich von den herkömmlichen Vorstellungsbildern, die durch Musik ausgelöst werden.

Einteilung nach Grossenbacher und Lovelace (2001): 1. Genuine S.: angeboren, tritt automatisch auf, individuelle Einzigartigkeit, sie verändert sich kaum mit dem Alter, tritt häufiger bei Frauen auf (mehr als 80 % der Synästhetiker sind weiblich) und ist vererbbar. 2. Erworbene S.: entsteht durch Drogen (Meskalin, Marihuana, LSD) oder Erkrankung. 3. Gefühls-S. oder Randgruppen-S.: bildhafte geometrische und farbige Erlebnisse treten zeitweilig und situationsspezifisch auf (z. B. beim Autofahren oder in Ausnahmesituationen des Lebens). Farbtonsysteme für die Musikpraxis (z. B. Nicolai Rimski-Korssakow, Alexander Skrjabin, J. M. Hauer, Olivier Messiaen) beruhen weitgehend auf subjektiven Erfahrungen und können nicht auf allgemeine Gesetzlichkeiten des Kunsterlebens übertragen werden (Farbe-Ton-Beziehung). Die wissenschaftliche Erforschung der S. im deutschsprachigen Raum erfuhr unter Georg Anschütz (1886–1953), Friedrich Mahling (1899–1945) und A. Wellek einen Höhepunkt (Jewanski 1995). Gefördert wurde das Interesse durch das Streben der Kunstwelt nach dem Universal- (Philipp Otto Runge, 1777–1810) oder Gesamtkunstwerk (Rich. Wagner; Wassilij Kandinskys Bühnenwerk Der gelbe Klang). Neuerdings verstärktes Interesse an der S.-Forschung beruht auf verbesserten Testverfahren zur Diagnose von Synästhetikern und den neuen bildgebenden Techniken der Gehirnforschung (z. B. die Positronen-Emissions-Tomographie [PET], das funktionale Magnetresonanz-Imaging fMRI oder die Kernspintomographie).

Die Gehirnforschung ermöglichte die Formulierung mehrerer Theorien der S.: 1. Theorie der ungewöhnlichen Hirnverdrahtung: S. entsteht aufgrund einer besonderen cerebralen Verschaltung (Baron-Cohen et al. 1996). 2. Theorie der Nicht-Spezifizierungen im Zentralnervensystem: Es kommt zum Überdauern von nicht-spezifizierten Verbindungen aus der Kindheit; die Folge: mangelhafte Isolierung und zu grobe Filterung spezifischer Sinnesbahnen, d. h. Miterregung anderer Hirnareale (s. dazu Cuddy 2002). 3. Die Cross-activation-Theorie (auch cross-wiring) von Ramachandran und Hubbard (2003): Es wird eine chemische Kommunikation zwischen weit auseinander liegenden Hirnarealen angenommen, die bei Synästhetikern anders verschaltet ist als bei Nicht-Synästhetikern. Die Theorie wird durch Beobachtungen an einem Synästhetiker mit nicht funktionsfähigen retinalen Farbrezeptoren (Zapfen), aber intakten cerebralen Farbzentren und Farbwahrnehmungen untermauert. 4. Theorie der mangelnden präfrontalen Filterwirkung. Allgemein dürfte der linken Gehirnhälfte und besonders der Hippocampusformation im Limbischen System (zuständig für Gefühle) als Brücke zwischen den Sinneskanälen eine entscheidende Rolle zukommen – bei gleichzeitiger starker Hemmung der Aktivität anderer Teile des Cortex (präfrontal, okzipital; Emrich 2002). Die S. dient als Forschungs-Modell zum Erkenntnisgewinn über allgemeine Eigenschaften und Entwicklungen der Wahrnehmung, insbesondere, wie sich das Gehirn durch Aktivierungs- und Hemmungsprozesse, Generalisierung und Spezifizierung aus Millionen von Einzeleindrücken der Sinne eine einheitliche und in sich geschlossene Wahrnehmungswelt aufbaut.


Literatur
S. Baron-Cohen/J. Harrison, Synaesthesia. Classic and Contemporary Readings 1996; L. Cuddy in H. Bruhn et al., Musikpsychologie. Ein Hb. 2002; R. Cytowic, Farben hören, Töne schmecken. Die bizarre Welt der Sinne 1995; H. Emrich, Welche Farbe hat der Montag? S.: das Leben mit verknüpften Sinnen 2002; P. G. Grossenbacher/Ch. T. Lovelace in Trends in Cognitive Science 5/1 (2001); W. Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst 1912; J. Jewanski in Jb. der Dt. Ges. f. Musikpsychologie 12 (1995); V. S. Ramachandran/E. M. Hubbard in Journal of Conciousness Studies 10 (2003).

Autor*innen
Erich Vanecek
Letzte inhaltliche Änderung
15.5.2006
Empfohlene Zitierweise
Erich Vanecek, Art. „Synästhesie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 15.5.2006, abgerufen am ), https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_S/Synaesthesie.xml
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