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Nonnberg
Benediktinerinnenabtei in Salzburg auf der südöstlichen Terrasse des Festungsberges, ältestes noch bestehendes Frauenkloster im deutschen Sprachraum, gegründet vom Hl. Rupert 712/15. Die Klosterkirche ist der Hl. Maria geweiht. Erste Äbtissin war die Hl. Erentrudis, eine Nichte Ruperts (Fest am 30.6., früheres Translationsfest am 4.9., Landespatronin von Salzburg). Seit 1242 gebührten der Äbtissin die Pontifikalien Stab und Faltstuhl (Faldistorium) und der Rang eines Prälaten. N. war zunächst Eigenkloster der Agilolfinger, später unabhängiges adeliges Damenstift nach einer benediktinisch-kolumbanischen Mischregel von Kanonissen und wurde in weiterer Folge der Görzer Reform angegliedert. 1002–04 erfolgte ein Neubau von Stift und Kirche (Weihe 1009) durch K. Heinrich II. Im 11. Jh. konnten von N. aus die Klöster Göß (1020), St. Georgen am Längsee/K (vor 1023), Gurk (1042), Traunkirchen/OÖ 1020/40, Sonnenburg in Südtirol (1029), St. Wallburg in Eichstätt/D (1035), Erla/NÖ (1050) und im 17. Jh. Säben in Südtirol gegründet werden.

Bis zum 12. Jh. fehlen weitgehend Informationen über Liturgie und Musik (Choral). Spätestens ab dem 11. Jh. muss es ein Skriptorium gegeben haben, das aber erst im 12. Jh. zu erschließen ist. Das älteste Fragment, ein Schutzblatt zu Cod. 23 C 13, Prozessionsgesänge zu Lichtmess und Palmsonntag in linienlosen Deutschen Neumen St. Galler Typs, stammen spätestens aus dem 11. Jh. Eine neue Blüte erlebte das Kloster im 12. Jh. unter Diemuod III. († 1136), einer Schwester Erzb. Konrads I. (1006–47), der die Befolgung der Benediktinerregel – beeinflusst von der Hirsauer Reform – durchsetzte. Aus dieser Zeit stammt ein Graduale-Sequentiar-Sakramentar (D-Mbs clm 11004) in adiastematischen Neumen mit melodischer Zusatzbedeutung, die später für die Liturgie des Doms adaptiert und auch dort zumindest bis 1300 verwendet wurde. Insgesamt haben sich aus dem Mittelalter im Kloster selbst 35 liturgische Handschriften erhalten, die meisten mit Gotischer Choralnotation auf einem Vierliniensystem. Sie datieren vom 14. bis ins 17. Jh. Die bedeutendste Handschrift ist das Antiphonar Cod. 28 C 15 (o. 26 E 1b) (nach 1320) in frühgotischen Metzer Neumen. Fast alle anderen Handschriften der Bibliothek nehmen dieses Antiphonar zum Vorbild. Dazu kommen zwei vollständige Hymnare und 10 Processionaria, das jüngste noch aus dem Jahre 1619. Die speziellen Formulare der Äbtissinnen- und Jungfrauenweihe wurden bis ins 18. Jh. kopiert.

Besonderes Augenmerk wurde auf die liturgischen Feiern gelegt, v. a. zu Weihnachten (Kindelwiegen) und am Palmsonntag, wenn der Erzb. selbst ins Kloster ritt. Eine Beschreibung dieses Rittes von Erzb. Matthäus Lang findet sich im Cod. M I 285 (Caerimoniale et observationes, 1. Hälfte des 16. Jh.s). Das sog. „Praxedis-Tagebuch“ (Cod. V, 87 Ab) der Chronistin Praxedis Halleckerin (1480–nach 1534) enthält wertvolle Beschreibungen von Festen und Gottesdienstgestaltungen, z. B. das seit 1371 erwähnte Fronleichnamsfest von 1500. Die nach einem Großbrand 1423 zerstörte Kirche wurde im spätgotischen Stil 1507 vollendet. Erwähnt sei die Fertigstellung einer großen Orgel von Wolfgang Ruerdorff aus Passau 1495 und eines Positivs (1490).

Ab dem 17. Jh. nahm die Musikpflege durch die Reform im Sinne des Trienter Konzils unter Äbtissin Maria Magdalena v. Schneeweiß (1620–35) einen großen Aufschwung. Nicht ohne Grund malte Matthäus Ostendorfer den Nonnenchor 1624/25 mit musizierenden Engeln und Nonnen aus. Die Kirchenmusik wurde primär von den Nonnen selbst bestritten. Seit 1622 bestand ein Figuralchor. Um 1700 wurde fast die Hälfte der Nonnen als Musikerinnen bezeichnet. Der Eintritt ins Kloster war Nicht-Adeligen nur mit besonderer Dispens möglich, etwa wenn sie über musikalische Fähigkeiten verfügten. So traten die Töchter bekannter Musiker ein, darunter die Tochter von J. Stadlmayr (Barbara 1650), von H. I. F. Biber (Anna Magdalena 1677–1742; Eintritt 1696 als Maria Rosa Henrica, Chorregentin, Kapellmeisterin und zeitweise Priorin), die beiden Töchter von B. L. Ramhaufsky (Anna Kunigunde und Maria Eleonora 1678), von C. H. Biber (Ludmilla Barbara 1713–75; Eintritt 1729 als Maria Magdalena Carolina, Chorregentin, Subpriorin), und von M. Biechteler (Maria Walpurga Regina 1707–81; Eintritt 1724). Neben der Musik der Nonnen im Nonnenchor gab es den äußeren Chor für die Kapläne und Choralisten bzw. später für den Organisten, den Chorregenten und die Hofmusiker. 1680–1881 bestand dafür vor der äußeren Chorwand im Mittelschiff ein hölzener Musikchor mit einer Orgel von Ch. Egedacher jun. (1681). Erhalten ist ein Positiv (um 1600) und ein Cembalo (1619 von Johann Mayer, Stuttgart/D, heute [2004] im Museum Carolino Augusteum in Salzburg). Aufklärung und Franzosenkriege bereiteten dieser Epoche ein Ende. Einen neuerlichen Aufschwung erfuhr das Kloster in der 2. Hälfte des 19. Jh.s. N. unterhielt enge Beziehungen zu Beuron/D und übernahm den Solesmenser Choral. Heute ist das Kloster bekannt für das gesungene Chorgebet, die lateinischen Choralämter, gesungene Maiandachten und bis vor einigen Jahren die Fronleichnamsprozession durch das Kloster am Samstag nach Fronleichnam („Kranzltag“). Das Klosterarchiv mit einem handschriftlichen Katalog verzeichnet ca. 1000 Werke verschiedener Gattungen, oft anonym und vielleicht oft von den Frauen selbst komponiert. Die letzte bekannte Komponistin war Äbtissin Ancilla Schneider (1965–76).


Literatur
I. Schmidt-Sommer/Th. Bolschwing, Frauen vor Gott. Gesch. und Wirken der Benediktinerinnenabtei St. Erentrudis auf dem N. in Salzburg [1990]; F. Niiyama, Zum mittelalterlichen Musikleben im Benediktinerstift N. zu Salzburg 1994; E. Hintermaier in H. Paarhammer (Hg.), [Fs.] J. Mayr [1996]; G. Walterskirchen in L. Kačic (Hg.), [Kgr.-Ber.] Musik der geistlichen Orden in Mitteleuropa zwischen Tridentinum und Josephinismus. Trnava 1996, 1997; Beiträge von St. Engels u. F. Niiyama-Kalicki in St. Engels/G. Walterskirchen (Hg.), [Kgr.-Ber.] Musica Sacra Mediaevalis. Geistliche Musik Salzburgs im Mittelalter. Salzburg 1996, 1998.

Autor(en)
Stefan Engels
Empfohlene Zitierweise
Stefan Engels, Art. „Nonnberg‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]