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Nibelungenlied
Mittelhochdeutsches Heldenepos, entstanden um 1200, wohl im Umkreis des als Mäzen Walthers v. der Vogelweide bekannten Passauer Bischofs Wolfger v. Erla (ca. 1140–1218). Die drei wichtigsten Überlieferungsträger, die Münchener Handschrift A, die St. Galler Handschrift B und die Donaueschinger Handschrift C (heute in Karlsruhe/D) entstammen alle dem 13. Jh. Die Handschriften A und C befanden sich vormals in der Bibliothek der Grafen von Hohenems in Vorarlberg, wo sie um die Mitte des 18. Jh.s wiederentdeckt wurden. Von den bisher aufgefundenen elf vollständigen Handschriften und 26 Fragmenten werden zwei Manuskripte und fünf Fragmente in Österreich verwahrt (Klagenfurt, Linz, Melk, Vorau, Wien).

Das 39 Abschnitte (aventiuren) umfassende Epos ist inhaltlich deutlich zweigeteilt. Teil I (aventiure 1–19) erzählt von Siegfrieds Jugend und Liebe zu Kriemhild, der Schwester der drei Burgundenkönige Gunther, Gernot und Giselher, seiner entscheidenden Rolle bei Gunthers Werbung um Brünhild und schließlich seiner Ermordung durch Hagen; Teil II (aventiure 20–39) handelt vom Untergang der Nibelungen, wie die Burgunden nun genannt werden, der von der nunmehr mit dem Hunnenkönig Etzel vermählten Kriemhild aus Rache betrieben wird. Als historische Grundlage des zweiten Teils sieht die Forschung die Zerschlagung eines am Mittelrhein angesiedelten Burgundenreichs durch die Hunnen um 436/437 an, Teil I könnte Auseinandersetzungen am merowingischen Königshof des 6. Jh.s widerspiegeln.

Metrische Einheit des N.es eine aus vier paargereimten Langzeilen gebildete Strophe, deren wichtigstes Merkmal in der Betonung des Strophenschlusses durch Vierhebigkeit im letzten Abvers (im Gegensatz zur Dreihebigkeit in den ersten drei Abversen) zu sehen ist, zuweilen noch verstärkt durch zwei unmittelbar aufeinander folgende Hebungen („víl verlíesèn den lîp“). Diese Strophenform ist schon um die Mitte des 12. Jh.s in der donauländischen Lyrik des Kürenbergers nachweisbar, später auch in der Elegie Walthers v. der Vogelweide.

Seit etwa der Mitte des 20. Jh.s herrscht entgegen der früheren Forschung Einigkeit darüber, dass auch die strophische deutsche Epik des Mittelalters zum sanglichen Vortrag bestimmt war (Sangversepik, Sangspruchdichtung). Da jedoch bisher noch keine Melodieüberlieferung zum N. bekannt geworden ist, ist man auf Rekonstruktionen angewiesen. Dafür wurden einerseits (Bertau/Stephan) eine mit Notation überlieferte, metrisch als Hildebrandston zu interpretierende Strophe der Trierer Marienklage (V. 406–409) bzw. der Marienklage des Alsfelder Passionsspiels (V. 6493–6496) herangezogen (beide aus dem 15. Jh.). Andererseits hat man die erst im Jahr 1545 überlieferte, aber wohl auf das 13. Jh. zurückgehende Melodie des Hildebrandstones, in dem das Jüngere Hildebrandslied und zahlreiche weitere deutsche Heldendichtungen abgefasst sind, für das N. in Anspruch genommen (Jammers, Beyschlag, Brunner, Müller; Gesang: E. Kummer). Da der Hildebrandston im Gegensatz zur Nibelungenstrophe isometrisch gebaut ist, also auch der vierte Abvers dreihebig realisiert wird, fehlt jedoch bei beiden Melodierekonstruktionen eine melodische Entsprechung zum betonten, einen rhythmischen Stau bewirkenden Strophenschluss des N.es. Berücksichtigung findet die Schlussbetonung in einem weiteren Rekonstruktionsvorschlag, der auf einer Neudeutung des Überlieferungsbefundes der Kadenzen der Alsfelder und der Trierer Marienklage-Strophe beruht.

Im 19. Jh. wurde das N. zum deutschen Nationalepos verklärt und in der Folge bis zum Zweiten Weltkrieg ideologisch vereinnahmt und missbraucht. Entscheidenden Einfluss auf die Rezeptionsgeschichte übte Rich. Wagner mit seiner Operntetralogie Der Ring des Nibelungen aus (UA.en 1869–76), für die er jedoch nicht auf das mittelhochdeutsche Heldenlied, sondern auf die altnordische Überlieferung der Nibelungensage zurückgriff. Darüber hinaus wurden seit dem 19. Jh. 24 weitere musikalische Bearbeitungen des Nibelungenstoffes gezählt.


Tondokumente
TD: Das N., gesungen von E. Kummer im Hildebrandston. Walther von der Vogelweide, Alterslied. Kürenberger, Fünf Strophen 1999 (CD Preiser Records, Stereo 93415); N. Gelesen u. kommentiert von P. Wapnewski 1996 (8 CDs, der hörverlag) [nach der Übersetzung von Karl Simrock].
Literatur
Lit (chron.): Verfasserlex. 6 (1987); S. Große/U. Rautenberg, Die Rezeption mittelalterlicher dt.er Dichtung 1989, 166–230; W. Hoffmann, N. 61992 (zur metrischen Form v. a. 114–125); F. P. Knapp, Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis zum Jahre 1273, 1994, 304–316; J. Heinzle, Das N. Eine Einführung 1994; MGÖ 1 (1995); O. Ehrismann, N. Epoche – Werk – Wirkung 22002; F. G. Gentry et al. (Hg.), The Nibelungen Tradition. An Encyclopedia 2002; Walther von der Vogelweide. Die gesamte Überlieferung der Texte und Melodien, hg. v. H. Brunner et al. 1977, 357f, Abb. 253f (Faks. der Trierer und Alsfelder Strophe), 72*f (Kommentar); U. Müller in W. Wunderlich/U. Müller (Hg.), ‚Waz sider da geschach‛. Dt.-Amerikanische Studien zum N. 1992; R. Amstutz in U. Mehler/A. H. Touber (Hg.), [Fs.] H. Linke 1994; M. Springeth/U. Müller in D.-R. Moser/M. Sammer (Hg.), [Kgr.-Ber.] N. und Klage. Andechs 1995, 1998. – NA: Das N. Mittelhochdt./Neuhochdt. Nach dem Text von K. Bartsch u. H. de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt von S. Große, durchgesehene u. verbesserte Ausg. 2002 (nach Hs. B); Das N. Paralleldruck der Hss. A, B und C nebst Lesarten der übrigen Hss., hg. v. M. S. Batts, 1971.

Autor(en)
Christine Glaßner
Empfohlene Zitierweise
Christine Glaßner, Art. „Nibelungenlied‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]