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Klangforschung
Ein 1963 gleichzeitig und unabhängig voneinander von Emile Leipp in Paris und W. Graf in Wien begründeter Forschungsansatz, der das in der 1. Hälfte des 20. Jh.s entwickelte Suchtonverfahren für die Untersuchung musikalischer Schallereignisse einsetzte. Hierbei lag in der französischen Forschergruppe neben theoretischen Aspekten, technischen Fragen, Stimme sowie experimentelle Musik das Schwergewicht der Untersuchungen auf der Akustik europäischer und außereuropäischer Musikinstrumente. Graf hingegen stellte das Musik-Erleben in den Mittelpunkt seiner Forschungen und legte 1972 ein umfassendes theoretisch und praktisch begründetes Konzept vor. Demnach geht es bei der m.n K. darum, „musikalische Klangerlebnisse hinsichtlich ihres Zustandekommens vom akustischen Reiz bis in die kulturelle Sphäre hinein kritisch zu erfassen und wesentlichen Zügen dieses Erlebens mit objektiv festgestellten akustischen Eigenschaften in ihrem gesamten Ablauf nachzugehen, um die musikwissenschaftlich relevanten Zusammenhänge möglichst weitgehend und fundiert aufzudecken“. Aus der Erkenntnis heraus, dass zwischen der Physik der Schalle und der Perzeption keine Eins-zu-Eins-Relation besteht und das Perzept überdies wesentlich durch kulturelle und persönlichkeitsbedingte Faktoren bestimmt ist, spricht Graf in Anlehnung an die Kulturanthropologie vom Wechselspiel zwischen biologischem (im weitesten Sinne) Unterbau und kulturellem Überbau. Musik ist für ihn und seine Schüler daher sowohl ein geistes- als auch naturwissenschaftliches Problem. Damit liegt der Ausgangspunkt dieser Forschungsrichtung bei Hermann v. Helmholtz (1863), was mit der exakt 100 Jahre später als Vortrag vorgestellten programmatischen Schrift von Graf unausgesprochene Symbolkraft bekommt. Der anfänglich sowohl von der Groupe d’Acoustique Musicale (G.A.M.) als auch von der Schule Graf eingesetzte Kay-Sonagraph wurde in Wien inzwischen durch das seit 1989 durch W. A. Deutsch und Mitarbeiter an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entwickelte und laufend ausgebaute STX-Programmpaket ersetzt. Daneben werden in der internationalen Forschung eine Reihe anderer Systeme eingesetzt.
Literatur
P. Balazs et al. in J. R. Rennison (Hg.), Intelligent Sound Processing: S_Tools-Stx User’s Guide 2001; E. Leipp in G.A.M. Bulletin 1963ff.; W. Graf in Schriften des Vereins zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien 104 (1963/64); W. Graf in Acta mus. 44 (1972); H. v. Helmholtz, Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik 1863; R. K. Potter et al., Visible Speech 1947.
Autor*innen
Franz Födermayr
Letzte inhaltliche Änderung
25.4.2003
Empfohlene Zitierweise
Franz Födermayr, Art. „Klangforschung‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 25.4.2003, abgerufen am ), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001d47f
Dieser Text wird unter der Lizenz CC BY-NC-SA 3.0 AT zur Verfügung gestellt. Das Bild-, Film- und Tonmaterial unterliegt abweichenden Bestimmungen; Angaben zu den Urheberrechten finden sich direkt bei den jeweiligen Medien.