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Ikonographie der Musik
Neben Ikonologie ein Begriff aus der Humanistenzeit, der auf das Studium der Inhalte von Kunstdenkmälern zielt. In der Kunstgeschichte wird unter dem Einfluss der Panofskyschule mit der Endung -graphie das Beschreiben und mit -logie die Deutung von Bildinhalten betont. Wenn Musikwissenschaftler von Musik-I. oder Musikikonologie sprechen, verwenden sie aber die Begriffe meistens weniger präzise, und es hat sich daher eingebürgert, mit Musik-I. ganz allgemein den Forschungszweig zu umschreiben, der die ganze Spannweite von der Auswertung von Bilddenkmälern im Hinblick auf Bau und Gebrauch von Musikinstrumenten und Aufführungspraxis über die Untersuchung musikalischer Themen in der Bildenden Kunst bis zum Studium der ästhetischen Beziehungen zwischen den beiden Künsten umfasst.

Während es im 19. Jh. v. a. französische und belgische Forscher waren, die musikikonographisch arbeiteten, gingen im 20. Jh. die meisten Impulse von der deutschen Forschung aus. Sie betrafen besonders die eigentliche geistesgeschichtliche Ikonologie, die Instrumentenkunde und Aufführungspraxis sowie die Sozialgeschichte. An alledem hatte die österreichische Forschung einen sehr geringen Anteil, obwohl Julius von Schlossers berühmter Aufsatz über die Giusto-Fresken von 1896 und Andorfer und Epsteins Münz-I. von 1907 Marksteine in der Forschungsgeschichte waren und Impulse hätten setzen können. Einer der bekanntesten Musikikonographen, Emanuel Winternitz, wurde zwar in Österreich geboren und erwarb in Wien 1922 das juristische Doktorat, übersiedelte dann aber nach Hamburg, wo er die maßgebenden kunsthistorischen Anregungen erhielt. Seiner jüdischen Abstammung wegen wurde er später gezwungen, in die USA auszuwandern (Exil). Viel stärker Österreich verhaftet war O. E. Deutsch; auch er emigrierte 1939, kehrte aber 1952 nach Wien zurück. Seine Verdienste für die Musik-I. liegen auf der bibliographischen Ebene der Bildbiographie, wobei ihm seine kunsthistorische Ausbildung zustatten kam. Seine Bilddokumentationen zu Fr. Schubert und W. A. Mozart sind vorbildlich.

Der beachtlichste Beitrag der österreichischen Forschung liegt wohl in den vielen vorzüglichen Ausstellungskatalogen (Ausstellungen) durch Bibliotheken (Archive und Bibliotheken) und Museen, die sich unter biographischen, regionalen oder gattungsmäßigen (insbesondere Konzert- und Opernwesen) Kriterien mit Musik beschäftigen oder Musik als Teilgebiet einbeziehen. Deutschs Arbeiten und die kunsthistorische und kulturhistorische Ausstellungsmethodik trugen zur Qualität dieser Veröffentlichungen bei. An erster Stelle sind die Ausstellungen, die österreichischen und insbesondere in Wien wirkenden Komponisten gewidmet sind, und die Ausstellungen des Kunsthistorischen Museums Wien zu erwähnen, an zweiter die von einzelnen Ländern veranstalteten Ausstellungen mit regionalgeschichtlichen Themen.

Dadurch, dass in den letzten 30 Jahren zweimal Ordinarien, zu deren Spezialgebieten die Musik-I. gehört, an die Univ. Innsbruck berufen wurden, erfuhr die Musik-I. in Österreich eine Aufwertung. W. Salmen veröffentlichte u. a. die Bilder zur Geschichte der Musik in Österreich (1979/80) und unter T. Seebaß wurde Innsbruck zum Sitz der Redaktion von Imago Musicae und der Studiengruppe für Musik-I. des ICTM. Es entstanden einige Diplomarbeiten und Dissertationen zu ikonographischen Themen.

Bezüglich der Natur der Bildquellen bildet Österreich das gleiche Bild wie andere europäische Länder. Aus dem Mittelalter haben sich einige bedeutende Fresken erhalten (insbesondere wenn man Südtirol mit einbezieht) sowie ein immenser Schatz an Handschriftenillustrationen und -illuminationen. Vom späten 15. Jh. an ist das Quellenbild dank des Interesses von Kaiserhof (Habsburger) und Adel an den Künsten vielfältiger. Musikdarstellungen finden sich in der Buchgraphik, dem Tafelbild, in Skulptur, Relief und Kleinkunst sowie der Wandmalerei in Kirchen und Palästen. Der Aufstieg des städtischen Bürgertums (bürgerliche Musikkultur) im 18. und 19. Jh. bringt eine zusätzliche Ausweitung des Repertoires auf Miniaturporträts, Schattenrisse, Stiche und lithographische Blätter, Karikaturen und die Zeitungsgraphik.

Aus der bisherigen Aufarbeitung ergeben sich als besondere Schwerpunkte jene Gruppen von Bilddenkmälern, die wegen ihrer herausragenden Qualität von internationaler Bedeutung sind, gleichzeitig aber durchaus einen österreichisch lokalen Gehalt besitzen. In erster Linie wäre an die am Hofe Kaiser Maximilians I. und der ihm nachfolgenden Erzherzöge entstandene Bilderwelt (z. B. Buchgraphik, Porträtsammlung), das Œuvre Moritz von Schwinds (Graphik, Gemälde, Wandmalerei) und die künstlerischen Erzeugnisse Gustav Klimts und A. Schönbergs zu denken. Von regionaler Bedeutung sind spezifische Bildthemen wie die Heilige Kümmernis mit dem Geigerlein und musizierende Krippenfiguren (Hirten, Engel und Janitscharenmusik); sie sind auf den Westen Österreichs beschränkt und kommen teilweise auch bei den ausländischen Nachbarn vor. Von musikalischer Seite her liefern die österreichischen Sonderformen in der Volksmusik und der städtischen populären Musik spezifisches Bildmaterial.

Daneben spiegelt sich selbstverständlich in den Beständen der österreichischen Bibliotheken und Museen auch die Sammellust und die internationalen Beziehungen österreichischer Herrscher und des österreichischen Adels. Die Handschriftenabteilung der ÖNB, die Albertina und das KHM in Wien legen beredtes Zeugnis davon ab. Im 19. Jh. traten vermögende Bürger dazu, wie z. B. der bekannte Wiener Autographen- und Musikaliensammler A. Fuchs, dessen Sammeltätigkeit sich auch auf Musikerporträts erstreckte.

Die systematische Erfassung der Bilddenkmäler befindet sich noch in den Anfängen, da es bisher in Österreich kein mit öffentlichen Mitteln ständig finanziertes musikikonographisches Archiv gibt. Zwei auf Musik spezialisierte Bildarchive sind von besonderer Bedeutung: 1. Das Bildarchiv der Abteilung für Musik-I. am Institut für Musikwissenschaft der Univ. Innsbruck, das zum gegenwärtigen Zeitpunkt (2002) etwa 3000 Katalogeinträge umfasst; davon sind etwa zwei Drittel Tirolensien und ein Drittel Denkmäler aus dem übrigen Österreich, insbesondere aus den Handschriftenbeständen der ÖNB. 2. Eine Sammlung von 1800 Photographien von etwa 150 Standorten in Kärnten im Privatarchiv von Rudolf und Uta Henning, Ludwigsburg/D.


Literatur
MGG 6 (1997, Musik-I.); [Kat.] Die Musik in den graphischen Künsten, bearb. v. E. Knab, Ausstellung der Staatlichen Graphischen Sammlung Albertina in Wien 1951, Wien 1951; [Kat.] Dipingere la musica – Musik in der Malerei des 16. und 17. Jh.s, bearb. v. S. Ferino-Pagden, Ausstellung Wien, Palais Harrach 2001, 2001; [Kat.] Für Aug’ und Ohr. Musik in Kunst- und Wunderkammern, bearb. v. G. Stradner/Th. Trabitsch. Ausstellung Schloss Ambras bei Innsbruck 1999, 1999; T. Seebaß (Hg.), Imago Musicae, The International Yearbook of Musical Iconography, Bd. 1ff. (1984ff.); Kat. der Portrait-Sammlung der k.u.k. General-Intendanz der k.k. Hoftheater. Zugleich ein biographisches Hilfsbuch auf dem Gebiet von Theater und Musik 1892–94; [Kat.] Musik, Theater, Tanz vom 16. Jh. bis zum 19. Jh. in ihren Beziehungen zur Gesellschaft, bearb. v. E. Ritter/F. W. Riedel, Ausstellung Göttweig 1966, 1966; K. Andorfer/R. Epstein, Musica in nummis 1907; F. Crane, Bibliography of the iconography of music 1972; R. Gerlach, Musik und Jugendstil der Wiener Schule 1900–1908, 1985; F. Gratl, Iconography of music 1976–1995: a bibliography 1997/98; U. Henning, Musica Maximiliana. Die Musikgraphiken in den bibliophilen Unternehmungen Kaiser Maximilians I. 1987; U. Henning in MusAu 10 (1991); F. Matsche, Die Kunst im Dienst der Staatsidee Kaiser Karls VI. 1981; W. Salmen, Bilder zur Gesch. der Musik in Österreich 1979–80; W. Salmen in Studia instrumentorium musicae popularis 7 (1981); R. Schaal, Die Tonkünstler-Porträts der Wiener Musikslg. von Aloys Fuchs 1970; J. v. Schlosser in Jb. der kunsthistor. Slgn. des allerhöchsten Kaiserhauses 1896; M. Schönherr, Inventar des C. M. Ziehrer-Archives in der Musikslg. und Theaterslg. der ÖNB in Wien 1969.

Autor(en)
Tilman Seebaß
Empfohlene Zitierweise
Tilman Seebaß, Art. „Ikonographie der Musik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]