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Harrach, Harrach, true Familie
Böhmisch-österreichische Adelsfamilie; erstmals 1195 urkundlich erwähnt, 1550 in den Freiherrenstand, 1627 in den Reichsgrafenstand erhoben, bekannt v. a. wegen ihrer wertvollen Gemäldegalerie (bis 1970 im Wiener Palais, Wien I, seither in Schloss Rohrau/NÖ). Der Aufstieg der Familie ab dem 16. Jh. und die daraus resultierende unmittelbare Nähe zum Herrscher, die den Mitgliedern der Familie H. zu zahlreichen bedeutenden Ämtern (Vizekönig von Neapel, Erzb. von Wien, zahlreiche Gesandtschaften und hohe Hofämter etc.) verhalf, brachte seit Beginn der Frühneuzeit ein wachsendes Bedürfnis nach Repräsentation mit sich. Als Dienstherren der Eltern von J. Haydn sind sie mit der Biographie des Komponisten verbunden, obwohl sie eigentlich nicht zu den Förderern des Komponisten zu zählen sind. Schon Leonhard I. († 1461) ist in der unmittelbaren Umgebung von Kaiser Friedrich III. zu finden; sein Enkel Leonhard III. († 1527) war Obersthofkanzler von Ferdinand I. und kaufte 1524 die Herrschaft Rohrau. Johann (Hans, † 1480) war ein Halbbruder von L. I. und Gründer der erloschenen Linien H.-Goggitsch. Auf ihn geht die Anschaffung jenes römischen Missale zurück, in dem sich die Porträts aller H.s einschließlich Erläuterungen finden (H.-Missale, bis heute in Familienbesitz).

L.s III. Urururenkel Ferdinand Bonaventura (I): * 14.7.1637 (Ort?), † 15.6.1706 Karlsbad (Karlovy Vary/CZ). Diplomat. Trat sehr früh in den Hofdienst und wurde, nachdem er zahlreiche hohe Hofämter innegehabt hatte, 1669 Botschafter in Paris, 1673–76 und 1697/98 (als die spanische Erbfolge zu regeln war) Botschafter in Madrid und war ab 1698 Obersthofmeister Kaiser Leopolds I. F. B. H. war sehr kunstsinnig, erweiterte die Familiengalerie und förderte die Musik.

Dessen Sohn Franz Anton: * 4.10.1665 Wien, † 18.7.1727 Salzburg. Geistlicher. Studierte in Rom Theologie und Kirchenrecht und wurde 1673 Domizellar und kurze Zeit später Domherr von Passau und Salzburg. 1702 wurde F. A. Bischof von Wien, 1705 erzbischöflicher Koadjutor in Salzburg und 1709 nach dem Tod von J. E. v. Thun Erzb. von Salzburg. Der prachtliebende Erzb. förderte Kunst und Musik; v. a. das Wirken von A. Caldara, den der Erzb. für musikdramatische Produktionen (ab ca. 1712) heranzog, prägte die Musik der Salzburger Residenz nachhaltig (1716 komponierte Caldara das Huldigungswerk Il giubilo della Salza für F. A. H.). Den Hofkapellmeistern M. S. Biechteler und C. H. Biber war hingegen die Kirchenmusik zugeteilt.

Dessen Bruder Alois Thomas Raymond: * 7.3.1669 Wien, † 7.11.1742 Wien. Diplomat. Wurde 1715 Landmarschall von Niederösterreich, folgte dann seinem Vater als spanischer Gesandter nach, konnte jedoch die für Habsburg ungünstigen Erbfolgeregelungen nach Karl II. nicht verhindern. 1728–33 war er Vizekönig von Neapel, dann am Hof tätig bzw. mit der Verwaltung seiner Güter beschäftigt.

Dessen Sohn Ferdinand Bonaventura (II) Joseph Georg Leopold Anton: * 11.4.1708 (Ort?), † 28.1.1778 Wien. Staatsmann. Wuchs in Neapel bzw. bei seinem Onkel F. A. H. in Salzburg auf, der die Aufsicht über die Erziehung übernommen hatte. 1747 wurde F. A. H. Gouverneur von Mailand, das er nach den langen Kriegen wirtschaftlich wie kulturell wiederaufbaute. 1750 nach Wien zurückberufen, wurde er Präsident des Reichshofrates, geriet wegen seiner konservativen Haltung jedoch zunehmend in Konflikt mit Joseph II. J. Haydn spielte 1757 bei ihm in Rohrau gemeinsam mit musikalischen Bediensteten Quartett; mehrere Quellen deuten darauf hin, daß F. B. H. eine kleine Adelskapelle in Diensten hatte. 1762 spielte W. A. Mozart in seinem Wiener Palais.

Dessen Großneffe Karl Borromäus: * 11.5.1761 Wien, † 19.10.1829 Wien. Arzt, Humanist und Mäzen. Wandte sich nach sorgfältiger privater Ausbildung dem Medizinstudium zu (Promotion jedoch erst 1803). Als Mitglied des Johanniterordens war K. B. v. a. in der Pflege Armer und Eingekerkerter tätig, widmete er seine freie Zeit humanistischen Studien und Musik. Er gehörte zum Kreis um Baron F. S. v. Greiner und war gerngesehener Gast in den musikalischen Salons Wiens.

Dessen Großneffe Johann Nepomuk: * 2.11.1828 Wien, † 12.12.1909 Wien. Gutsbesitzer und Mäzen. Neben seines Engagements für das Schulwesen in Böhmen bzw. die tschechischen Schulen in Wien trat er als Förderer von Kunst und Wissenschaften u. a. für die Errichtung eines böhmischen Landesmuseums ein und förderte die Sammlung und Herausgabe böhmischer Volkslieder.

Karl Leonhard (Leonhard IX.): * 11.7.1765 Wien, † 8.3.1831 Wien. Musikgraf. Stammte aus der älteren H.-Linie, die im Besitz von Schloss Rohrau stand (sein Ururgroßvater war ein Cousin von F. B. [I]). Er war ein begeisterter Dilettant, spielte selbst ausgezeichnet Flöte (Duos mit L. Gehring) und war ab 1798 Mitglied der Gesellschaft der associierten Cavaliers (G. v. Swieten). L. Hirsch, F. V. Krommer (der ab 1807 bei K. L. eine Anstellung als Musiker hatte) und F. Pössinger widmeten ihm Kompositionen, 1824 komponierte Saverio Mercadante eine Kantate für eine Festlichkeit bei K. L. 1794 ließ er ein Haydn-Monument im Schlosspark von Rohrau errichten, das J. Haydn 1795 besichtigte. 1826–31 war H. in der Nachfolge von M. Graf Dietrichstein Hofmusikgraf sowie Protektor und Präses der Tonkünstler-Sozietät.


Literatur
ÖL 1995; MGÖ 2 (1995); Wurzbach 7 (1861); NDB 7 (1966); Czeike 3 (1994); ÖBL 2 (1959); Hintermaier 1972; Erhart 1998; O. Biba in HaydnJb 10 (1978); Wr. Ztg. 11.3.1831; Sterbebuch 1819–35 der Pfarre Am Hof, fol. 124.

Autor(en)
Elisabeth Th. Hilscher
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Elisabeth Th. Hilscher/Christian Fastl, Art. „Harrach, Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 28/04/2014]