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Cerha, Cerha, Friedrich Ehepaar
Friedrich Paul: * 1926-02-1717.2.1926 Wien. Komponist, Dirigent, Geiger, Musikpädagoge. Als Kind lernte C. Geige bei Anton Pejhovsky und nahm bereits als 11-jähriger Unterricht in Harmonielehre, Kontrapunkt und Formenlehre bei K. Herrmann. Im Sommersemester 1944 begann er sein Studium der Musikwissenschaft (u. a. bei E. Schenk), Philosophie und Germanistik an der Univ. Wien, wurde jedoch kurz darauf als Luftwaffenhelfer verpflichtet und später nach Dänemark versetzt. C. desertierte in der Folgezeit zweimal und lebte bis Ende des Krieges als Hüttenwirt in Tirol. 1946 setzte er sein Studium fort (Promotion im Fach Germanistik 1950 über den Turandot-Stoff) und studierte außerdem ab 1946 an der Wiener MAkad. Violine (bei G. Feist und V. Příhoda), Musikerziehung und Komposition (bei A. Uhl). 1950–62 war er als Geiger und Musiklehrer tätig; an verschiedenen Wiener Gymnasien unterrichtete er auch Deutsch. Daneben beschäftigte sich C. intensiv mit avantgardistischen Strömungen und erhielt privaten Analyseunterricht bei J. Polnauer. 1953 belegte er ein Kompositionsseminar bei J. M. Hauer und besuchte 1956–58 die Darmstädter Ferienkurse. Daraufhin gründete er 1958 gemeinsam mit K. Schwertsik das Ensemble die reihe (bis 1983 auch Leiter), das sich durch exemplarische Aufführungen für die Präsentation neuer Werke, insbesondere der klassischen Moderne einsetzte. 1978 rief er mit H. Landesmann den Zyklus Wege in unsere Zeit ins Leben und leitete diesen bis 1983. Seit seinem Studium interessierte sich C. außerdem für das italienische Frühbarock (Barock) sowie die historische Aufführungspraxis und gründete 1960 die Camerata Frescobaldiana (Ensemble für Musik des 17. Jh.s). Zeitweise spielte er auch im Ensemble Musica antiqua von R. Clemencic und gab daneben zahlreiche Editionen Alter Musik heraus (v. a. von Girolamo Frescobaldi). Seit 1959 war C. Lehrbeauftragter, ab 1969 a. o. Prof. sowie 1976–88 o. Prof. für Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik an der Wiener MAkad. (Schüler u. a. Kees Arntzen, Gerald Barry, Charles Boone, Benet Casablancas, D. D’Ase, K. Essl, G. F. Haas, Petr Kotík, Ch. Ofenbauer, Th. Pernes oder Ch. Schedlmayer). Ab 1960 wirkte C. als Dirigent bei führenden Institutionen zur Pflege neuer Musik, bei internationalen Festivals (u. a. Salzburger Festspiele, Berliner Festwochen, Wiener Festwochen, Biennale Venedig) und an Opernhäusern (u. a. Wiener Staatsoper, Berliner Staatsoper, Liceo Barcelona, Teatro Colon Buenos Aires). 1968–75 war er Präsident der österreichischen Sektion der IGNM. Ab 1994 arbeitete er auch intensiv mit dem Klangforum Wien, dem er 1996–99 als Präsident vorstand. Seit 1950 ist C. auch als bildender Künstler tätig (Zeichnungen, Skulpturen).

C.s frühe kompositorische Versuche sind noch postromantisch geprägt, nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschäftigte er sich zunächst mit neoklassizistischen Techniken (anlehnend insbesondere an Igor Strawinsky und Paul Hindemith, z. B. in Divertimento, 1947–54), orientierte sich jedoch später vornehmlich an den Werken A. Weberns. Durch die Eindrücke der Darmstädter Ferienkurse befasste er sich ab 1956 verstärkt mit dem Serialismus der Avantgarde, der den Ausgangspunkt seiner eigenen kompositorischen Entwicklung darstellte, jedoch stets von C. kritisch hinterfragt wurde. In seinen eigenen seriellen Organisationsformen vermied er daher die allzu starke Variation der Grundtypen und versuchte insbesondere die rhythmischen Elemente nicht zur Gänze aufzubrechen, um gewisse Orientierungspunkte beibehalten zu können (Deux éclats en reflexion [1956], Formation et solution [1956/57], Espressioni fondamentali [1956/57], Relazioni fragili [1956–75], Intersecazioni [1959]). In der Folge entwickelte C. eine individuelle Klangsprache, in der er erstmals auch breit angelegte Klangflächen einsetzte. Diese finden sich bereits in den Mouvements I–III (1959), werden hier jedoch nur punktuell eingesetzt und sind eher statisch konzipiert. Um der bloßen Aneinanderreihung zu entgehen, legte C. in Fasce (1959) daher innerhalb der Klangflächenstrukturen den Fokus auf die Ausgestaltung musikalischer Entwicklungen. Dieses Konzept gipfelte in seinem Zyklus Spiegel I–VII (1960/61), in dem er mit ausladenden, in sich stark verwobenen und überlappenden Massenstrukturen arbeitet, die sich in linearen Prozessen fortbewegen. C. konzipierte den Zyklus darüber hinaus auch als Bühnenwerk, für das er ein Libretto schrieb und sowohl Licht als auch Bewegungsabläufe integrierte. Anstatt die postseriellen Techniken weiterzuentwickeln, fing C. ab Ende der 1960er Jahre an, wieder vereinzelt traditionelle Elemente, wie melodische Linien, Reprisen, Akkordstrukturen oder auch Zitate aufzugreifen (z. B. in Catalogue des objets trouvés [1969] oder Curriculum [1971/72]). Seine Bühnenwerke wie u. a. Baal (1974–80), Der Rattenfänger (1984–86) oder Der Riese vom Steinfeld (1997–99) sind durch breite Klangflächen und polyrhythmische Strukturen geprägt, zeigen jedoch z. B. in den Vokalpartien bei Baal, die vom Sprechgesang bis zu kantablen Passagen alle Möglichkeiten ergründen, oder durch Zitate im Rattenfänger teilweise wieder ‚traditionellere‘ Anklänge. Die 1962–67 entstandenen Exercises für Bariton, Sprecher und Ensemble arbeitete er 1978–80 zum Bühnenwerk Netzwerk um. In C.s Spätwerk manifestieren sich vermehrt außereuropäische Bezüge, wie Mikrotonalität, Polyrhythmik und -metrik (u. a. in den Streichquartetten) sowie folkloristische Elemente. Bereits früh hatte sich C. mit orientalischen Einflüssen auseinandergesetzt (Zehn Rubaijat des Omar Chajjam [1949], Fünf geistliche Gesänge [1954/88]), und ab 1980 beschäftigte er sich auf Anregung G. Kubiks sowie G. Ligetis wieder verstärkt mit außereuropäischen, v. a. arabischen Kulturen. Darüber hinaus hat C. auch Anklänge an die Wiener Volksmusik in einigen Werken eingearbeitet (Keintaten I–II [1980–83], Eine Art Chansons [1985–87], Eine letzte Art Chansons [1989]). Seine kompositorischen Entwicklungen zeigen, dass er stets – unabhängig von Geschichte und Gegenwart – frei über alle Idiomatiken verfügte und diese zu organischen Verbindungen zusammenführen konnte. C. erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge (Wiener Philharmoniker, Wiener Konzerthaus, Wiener Musikverein, ORF, steirischer herbst, Konzerthaus Berlin, Koussevitzky-Foundation New York/USA u. v. m.). 1962–78 arbeitete C. an der Herstellung des unvollendeten 3. Akts von A. Bergs Oper Lulu, die die Instrumentation des Particells sowie zahlreiche weitere dynamische, agogische u. a. Eintragungen umfasst (UA 24.2.1979 Paris unter Pierre Boulez). Als Dirigent leistete er einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis zeitgenössischer Musik in Österreich. C. gilt als der bedeutendste zeitgenössische Komponist Österreichs.


Ehrungen
Förderungspreis der Stadt Wien 1953; Kulturwochenpreis der Stadt Innsbruck 1955; Förderungspreis der Theodor-Körner-Stiftung 1964; Förderungspreis des Wiener Kunstfonds 1965; Prof.-Titel 1969; Förderungspreis des Bundesministeriums f. Unterricht und Kultur 1971; Preis der Stadt Wien für Musik 1974; Großer Österreichischer Staatspreis 1986; Goldenes Ehrenzeichen des Landes Steiermark 1986; Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold 1986; Ehrenmitglied des Österreichischen Komponistenbundes 1986; Ehrenmitglied der IGNM 1995; Goldener Löwe für das Lebenswerk der Musik-Biennale von Venedig 2006 (erstmals vergeben); Österr. Ehrenzeichen f. Wissenschaft und Kunst 2006; Ehrenmitglied der GdM 2007; Goldenes Ehrenzeichen f. Verdienste um das Land Wien 2008; Silbernes Komturkreuz des Ehrenzeichens f. Verdienste um das Bundesland Niederösterreich 2010; Großer Musikpreis des Landes Salzburg 2011; Ernst v. Siemens Musikpreis 2012; Ehrendoktorwürde der Univ. Siegen/D 2017.
Schriften
Der Turandotstoff in der deutschen Literatur, Diss. Wien 1949; Zu meiner Musik und einigen Problemen des Komponierens heute in K. Roschitz (Red.), Beiträge ’68/69, 1969; Zu meinem Musiktheater in ÖMZ 35 (1980); Von Exercises zu Netzwerk in ÖMZ 36 (1981); Zu Karl Amadeus Hartmanns Essay (oder: Ist Neue Musik wirklich so schwer zu hören?) in R. Ulm (Hg.), Eine Sprache der Gegenwart. musica viva 1945–1995, 1995; Schriften: ein Netzwerk 2001; Texte zu Entwicklungsstufen und Werken 1935 bis 2017, 2018.
Werke
WV auf https://de.karstenwitt.com (3/2021); u. a. Sinfonie 1975; Requiem für Hollensteiner 1982/83; Baal-Gesänge 1983; Konzert für Sopransaxophon u. Orch. 2003/04; Konzert für V. u. Orch. 2004; Momente 2004/05; Impulse 2006; Konzert für Schlagzeug und Orchester 2007/08 (für M. Grubinger); Bühnenwerke (u. a. Spiegel I–VII 1960–72; Netzwerk 1962–80; Baal 1974–80, Der Rattenfänger 1987, Der Riese vom Steinfeld 2002, Onkel Präsident 2013); Hg. von Werken A. Weberns und von Heften der Reihen Diletto musicale und Wiener Urtext-Ausgabe.
Tondokumente
TD: C. Dokumente (ORF 2001); Konzert für Violine und Orchester – Fasce (RSO Wien, Johannes Kalitzke 2006); Baal Gesänge – Requiem für Rikke (RSO Wien, F. C., Th. Adam, Kenneth Riegel 2006); und du … Verzeichnis für K (RSO Wien, 2006, Ensemble die reihe, Kairos 2011); Notturni – „… was sie die Welt nannten …“ (Col-legno 2012); Konzert für Schlagzeug u. Orch. – Impulse für Orchester (M. Grubinger, Wr. Philharmoniker, Peter Eötvös, P. Boulez, Kairos 2012); Spiegel – Monumentum – Momente (SWR-Sinfonieorchester, Sylvain Cambreling, RSO Wien, Dennis Russell Davies, Kairos 2010); F. C. (CAvi 2016).
Literatur
NGroveD 5 (2001) u. 4 (1980); MaÖ 1997; MGG 15 (1973) u. 4 (2000); Goertz 1979, 1994; Erhart 1998; Personenlex. Öst. 2001; Beiträge zur österreichischen Musik der Gegenwart 1992; [Kat.] Musikalische Dokumentation F. C. 1986; S. Töfferl, F. C. Doyen der österreichischen Musik der Gegenwart 2017; N. Urbanek, Spiegel des Neuen. Musikästhetische Untersuchungen zum Werk F. C.s 2005; L. Haselböck (Hg.), F. C. Analysen, Essays, Reflexionen 2006; G. Wilscher (Hg.), Vernetztes Werk(en). Facetten des künstlerischen Schaffens von F. C. 2018; M. Henke/G. Gensch (Hg.), Mechanismen der Macht. F. C. und sein musikdramatisches Werk 2019; J. Diederichs (Hg.), F. C. Werkeinführungen, Quellen, Dokumente 2018 (DVD); I. Gamperl, Bertold Brecht – F. C. Baal. Ein Vergleich, Dipl.arb. Wien 1990; C. McShane, The music of F. C. and an analysis of his opera Der Rattenfänger, Diss. Texas 1995; www.friedrich-cerha.com (3/2021); www.wikipedia.org (3/2021); Vorlass am Archiv der Zeitgenossen der Donau-Universität Krems (www.archivderzeitgenossen.at, 3/2021).


Gertraud (geb. Möslinger): * 25.7.1928 Markgrafneusiedl/NÖ. Musikerin und Musikpädagogin. Sie stammt aus einer musikalischen Familie und studierte an der Univ. Wien Geschichte sowie ab 1947 Musikerziehung, Klavier, Cembalo (bei Eta Harich-Schneider und Gustav Leonhardt) sowie Gitarre bei K. Scheit an der Wiener MAkad. Hier lernte sie auch ihren Mann kennen (Heirat 15.12.1951 bzw. 17.7.1952 kirchlich), mit dem sie seitdem intensiv zusammenarbeitete (u. a. Organisation und Dramaturgie für das Ensemble die reihe, Vortragstätigkeit, Veranstaltung von Symposien). Daneben lehrte G. C. 1961–87 an der Wiener MHsch. Gemeinsam gründeten sie 2006 u. a. mit K. Schwertsik die Joseph Marx Gesellschaft in Wien. Das Ehepaar hat zwei Töchter, Irina (* 27.9.1956 Wien) und Ruth (* 13.8.1963 Wien).


Ehrungen
Österr. Ehrenkreuz f. Wissenschaft und Kunst 2009.
Schriften
Neue Musik aus Wien 1945–1990 in ÖMZ 45/10 (1990).
Literatur
MGG 4 (2000); S. Töfferl, F. C. Doyen der österreichischen Musik der Gegenwart 2017; M. Grassl in L. Haselböck (Hg.), F. C. Analysen, Essays, Reflexionen 2006; www.donau-uni.ac.at (5/2021).

Autor(en)
Andrea Harrandt
Meike Wilfing-Albrecht
Empfohlene Zitierweise
Andrea Harrandt/Meike Wilfing-Albrecht, Art. „Cerha, Ehepaar‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 4.10.2021]